Die heutige und so viele Leidenschaften hervorrufende Diskussion um die Einführung von sog. Studiengebühren in einigen Bundesländern verrät sehr viel über den Rückfall von vielen jungen Erwachsenen
und vielleicht von der heutigen Gesellschaft in das Alter der Kindheit. Dass man im Namen einer allen offenen Universität die Tatsache hervorhebt, dass die Einführung von Studiengebühren den Zugang
zu den Hochschulen vielen versperren würde, ist naheliegend und vollkommen legitim. Dass man sich aber nie fragt, ob die Stundenden nicht dafür schuld sind, dass es der deutschen Universität
finanziell so schlecht geht und ob sie nicht selbst etwas dafür machen könnte, um den Staat weniger Geld zu kosten, ist, gelinde gesagt, wirklich überraschend. Die Überzeugung, dass die Anderen
einfach mehr zahlen müssen (die „Reichen“, die großen Firmen, die Länder, der Bund usf.), scheint allen oder wenigstens vielen selbstverständlich zu sein. Viele Stundenden bleiben Jahre an der
Universität (einige brauchen sogar 20 Semester, um den Magister zu erlangen), können absolut unvorbereitet zu den Seminaren gehen, verfügen über wunderschöne Universitätsbibliothek und Stipendien,
von denen Studenten aus anderen Länden nur träumen können. Aber niemand sagt: wir sind selbst dafür schuld, dass die Länder neue Einkommensquellen finden müssen. Und niemand sagt: wir sind gegen
die Studiengebühren und als verantwortliche Bürger schlagen wir Sparmassnahmen vor.
Nein, wir leben im Zeitalter des Immermehr und des Ich-habe-soziale-Rechte-aber-keine-individuelle-Verantwortung. Jeder kennt wenigstens für ein paar Jahre diese Einstellung: sie ist in der Tat
typisch für die Kindheit. Ich bin in einer Schlägerei verwickelt aber der andere hat angefangen, nicht ich. Ich will neue Spielzeuge aber ich stelle mir nicht die Frage, wie man sie mir leisten
kann. Oder man ist dann kein Kind mehr, sondern schon ein kleiner Erwachsener.
Diese Einstellung verrät auch sehr viele über die von vielen Bürgern in den westlichen Ländern. Viele sehen sich als Kunden des Ladens Staat und denken, dass sie immer vom Staat fordern können und
dass sie gleich Kunden sind, die über eine Kreditkarte ohne Ausgabegrenzen verfügten. Sie verstehen einfach nicht mehr, dass der soziale Staat nur für bestimmte Grunde existiert: um die Lücken und
Mängeln des auf sich selbst überlassenen Markts zu kompensieren, um von Unfällen im Leben und Armut zu schützen, um, in einer keynes’schen Perspektive, die Wirtschaft anzukurbeln usf. Aber die
finanzielle Unterstützung des Staats ist alles andere als selbstverständlich. Die Logik sollte sein: ich bin für meine Akte verantwortlich, ich habe mich entschieden zu studieren, ich muss selbst
dafür sorgen, dass ich kein Last für die anderen werde. Diesem selbstverständlichen Grundsatz sollt ein anderes folgen: aber wenn meine soziale und wirtschaftliche Lage so ist, dass ich nicht zur
Universität gehen kann, dann kann ich aufgrund meiner sozialen Lage eine finanzielle Hilfe von Staat fordern. Aber die Logik von vielen scheint eher zu sein: ich bin selbst an der Universität
zufällig gelandet und gehe davon aus, dass der Staat mir etwas schuldet, das ich beanspruchen darf: ein in der Dauer nicht begrenzter Aufenthalt an der Universität.
Es geht jedoch in meinen Augen nicht darum, Studenten zu kritisieren. Wie könnten sie verstehen, warum und bis zu welchem der Sozialstaat möglich ist, während viele (Politiker, Intellektuelle,
Gewerkschaftler oder einfache Bürger) sich diese Frage nicht stellen? Was heute Deutschland und den meisten westlichen Ländern fehlt, ist eine Reflexion über die Notwendigkeit und Grenzen des
Sozialstaats, die die klassischen Kritiken der Liberalen am Wohlfahrtsstaat und die oft unverantwortlichen schönen Absichten der Linke überwindet. Eine Reflexion, die sich einfach fragen würde:
warum denn der Sozialstaat? Die heutige Krise um die Einführung von Studiengebühren kann also nicht rein soziologisch oder psychologisch erklärt werden (mit Begriffen wie der des Egoismus zum
Beispiel). Sie ist das Symptom für eine Gesellschaft, die sich vor zwei Fakten befindet: einerseits eine bei vielen anwesende Forderung nach sozialen Ausgaben und Transferleistungen und
andererseits die Notwendigkeit die Ausgaben des Staats zu begrenzen und zu rationalisieren. Nur eine genaue Untersuchung zum Begriff des Sozialstaats könnte diese Dichotomie überwinden. Aber einer
solchen Rückbesinnung ermangeln wir gerade heute.